Dauerbrenner Standarddiskussion

von Robert Kratochwil
  
  





Und wieder wurde eine Standarddiskussion vom Zaun gebrochen. Die wievielte schon? Es wird sicher nicht eher Ruhe sein, bevor nicht für jeden Züchter oder Aussteller ein eigener Standard nach dessen Zuchtergebnissen geschaffen wurde, der jedem Aussteller einen ersten Platz garantiert. Standardgemäßes werten, welches auf keinen ersten Platz abzielt, wird dann nur mehr mit ausdrücklicher schriftlicher Einverständniserklärung des Ausstellers möglich sein.

Wie ist die derzeitige Situation?

Viele halten sich nur an jene Regeln, die ihnen passen! Die übrigen, genau so wichtigen Regeln, werden einfach ignoriert. Das hat zur Folge, daß viele – insbesondere EM-Ausstellungen – unter irregulären Verhältnissen stattfinden.

Die Ursachen für Fehlwertungen liegen nicht an den Standard- und Bewertungsregeln, sondern vielfach an den Ausstellungsverhältnissen oder nicht zuletzt an den Wertungsrichtern.

Die europäische Guppyhochzucht hat ihren hohen Standard in erster Linie auf Grund der gegenwärtigen Standardregeln erreichen können.

Immer wenn aufgrund sich häufender Unzulänglichkeiten das Unbehagen wächst wird nach Regeländerungen gerufen, ohne sich Gedanken über die Ursachen zu machen. Dabei ist die Sache ganz einfach: die Ursachen liegen darin, daß die Regeln nicht eingehalten werden und nicht am Regelwerk selbst! Auch das ist vielerorts mit ein Grund für Fehlwertungen. Denn bei wie vielen Ausstellungen entsprechen die Lichtverhältnisse den Regeln, ist der Hintergrund entsprechend, die Wassertemperatur guppygemäß, werden die Garnituren vor dem Einsetzen dem Milieu angepaßt, etc, etc.?

Bei so mancher Ausstellung werden die Fische nicht so beleuchtet wie es für die richtige Bewertung ihrer Farben erforderlich wäre, sondern von oben "röntgenisiert" oder sind die Leuchten so in einem Kasten montiert, daß ein Teil des Beckens in einem Schlagschatten liegt, in dem sich die Guppys instinktiv aufhalten. Warum glaubt man denn, daß so viele Züchter überwiegend 08-15 Guppys züchten, die auch bei irregulären Lichtverhältnissen noch einigermaßen gut abschneiden? Namhafte Guppyzüchter – auch in Deutschland – bedauern das Verschwinden so mancher nicht so spektakulärer aber attraktiver Farbvarianten, dies ist einer der Hauptgründe dafür!

Wenn eine Regeländerung erforderlich ist, dann eine solche, welche irreguläre Ausstellungen von der Europameisterschaft ausschließt!

Aber da wird sofort der Ruf laut: was können denn die Züchter dafür, die kann man doch nicht bestrafen, man soll doch froh sein, wenn jemand überhaupt was macht. Ich frage mich warum die Züchter permanent mit solchen Ausstellungen bestraft werden? Mit dieser Einstellung wird sich nie etwas ändern und da kann ich jede anderweitige Regeländerung nur als Witz empfinden. Auch möchte ich sehen, ob diese Leute dann noch so denken, wenn ihre Fußballnationalelf die Qualifikationsspiele für eine EM oder WM auf einem irregulären Krautacker verliert, ob die auch dann noch froh sind, "wenn jemand überhaupt etwas macht"!

Viel besser für die Züchter wäre, wenn nur jene berechtigt wären eine Ausstellung auszurichten welche die Voraussetzungen dafür erfüllen, wie reguläre Lichtverhältnisse, regelkonforme Anlagen, optimales Handling mit den eingelieferten Fischen, übersichtliche Trennung der Standards und Gruppen – nicht ein Triangel in einer Reihe neben einem Schwertflosser und womöglich noch ein Kurzflosser daneben – übersichtliche und richtige Ergebnislisten in denen die Garnituren nach Standard und Farbgruppe gereiht sind und nicht vom Ersten bis zum Letzten, ungeachtet von Standard und Farbe, in einem Konvolut, sowie klare, konkrete Ausschreibungen, die keine andersgearteten Interpretationen zulassen.

In einer Zeit, in der vielen Züchtern bereits die Lust vergangen ist, an den zahlreichen internationalen Ausstellungen teilzunehmen und es immer schwieriger wird, jemanden zu finden der die restlichen Garnituren dann auch hinbringt, sind wenige gute Ausstellungen jedenfalls besser als eine Flut an solchen von denen man sich nicht viel erwarten kann.

Es ist sekundär, ob eine soeben erst zusammengekreuzte neue Farbvariante im IHS eine eigene Gruppe erhält. Die Möglichkeit einer regulären Zuordnung in eine Gruppe ist auch derzeit gegeben. Und wenn der neue Farbschlag in einer entsprechenden Breite gezüchtet und ausgestellt wird, dann wird er sich sicher bald in einer eigenen Gruppe finden. Aber was nützt das alles, wenn, wie siehe oben, die Verhältnisse nicht passen oder die Wertung miserabel ist!

Ich war bisher bei 3 IKGH-Kongressen. Was da jeweils an Regeländerungen vorgeschlagen wurde sprengt jeden Rahmen. Nicht zuletzt von Vereinigungen welche viele der bereits bestehenden noch nie eingehalten haben. Etwas kontraproduktiveres als die Möglichkeit permanenter Regeländerungen müßte in diesem Zusammenhang erst noch erfunden werden!

Der Ruf nach Regeländerung ändert überhaupt nichts. In einem Umfeld in dem die bestehenden Regeln nicht eingehalten werden, sind jegliche Änderungen bloß wieder Makulatur.

Robert Kratochwil